Daniel Oberle und drei weitere Berufsmittelschüler fragen Ruedi Rechsteiner
"Braucht die Schweiz neue Atomkraftwerke?"
im Rahmen ihrer interdisziplinären Projektarbeit
Was halten Sie vom Thema „neue erneuerbare Energien“?
Erneuerbare Energien bilden den am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor.
Sie sind essentiell für die Klimapolitik und können jeglichen Bedarf nach Energie decken.
Wie stellen Sie sich Stromproduktion in der Schweiz in naher Zukunft vor?
Die Atomkraftwerke laufen in den nächsten Jahrzehnten aus, ab 2009 treten die Einspeisevergütungen
für neue erneuerbare Energien in Kraft.
Grob gesehen werden wir unseren Energiebedarf wie folgt decken:
a)
Die Atomkraftwerke im Inland werden durch erneuerbare Energien ersetzt.
Zuerste mit Wasserkraft, Windenergie und Biomasse, ab 2015 in grossem Stil durch Photovoltaik .
b)
Die französichen Atombezüge aus dem Ausland (2,5 GW= 2,5 Gösgen) werden durch Strombezüge
an Wind und Solarenergie aus dem Ausland ersetzt. Die Stadt Zürich ist bereits daran, für 100-200 Mio. Fr.
Windfarmen einzukaufen. Diese Ressorucen sind kostensicher, lliefersicherung und wettbewerbsfähig.
c)
Der Gebäudepark wird auf Minergie umgestellt, spart enorme Mengen an Energie und CO2.
d)
Die Autos werden mit Windstrom aus Europa betrieben.
Was halten Sie vom Thema „Stromlücke“?
Das ist eine Erfindung der Atomlobby. In einem Markt gibt es nie „Lücken“. Allenfalls steigen bei Knappheit
die Preise und neue Anlagen werden gebaut. Es gibt auch in der Schweiz keine Lücke, sondern einen Ersatzbedarf
für Atomkraftwerke, welche wir schliessen müssen, wollen und können. Wir brauchen keine neuen Atomkraftwerke.
Dieser Bedarf kann zu 100% durch erneuerbare Energien gedeckt werden.
Wie wollen Sie die 40% der gesamt Stromproduktion, die aktuell vom KKWs produziert werden ersetzen?
Durch Strom aus Windenergie, Biomasse, Wasserkraft, Photovoltaik und Geothermie sowie Energieeffizienz
(A-Klasse für alle) beim Energieverbrauch.
Siehe dazu die Vorschläge für den Kanton Bern, die Sie 1:1 auf die ganze Schweiz übertragen können.
Wie stellen Sie sich den „Atomausstieg“ vor?
Als schrittweise Stillegung der bestehenden Atomkraftwerke wie in Deutschland, Italien usw.
Wie stehen Sie zum Thema „Endlagerung“
Es gibt nirgends auf der Welt ein funktionierendes „Endlager“ für hochradioaktive Abfälle sondern nur Atomlager,
die man ständig überwachen und später auch wieder sanieren muss. Die Idee, das Ganze habe ein „Ende“, wenn
man die Abfälle irgendwo vergräbt und das Lager dann verschliesst, ist eine Propagandalüge der Atomlobby.
(Siehe Kölliken, Sanierungskosten seit 1980 ca. 500 Mio. Fr., oder Asse, wo das vermeintliche „Endlager“ schon nach
40 Jahren für Mio. Euro saniert werden muss.)
Die Sanierungskosten bezahlen die nachfolgenden Generationen, ein krimineller Akt einer entgleisten, entmenschlichten
Industrie…
Gemäss dem Abfallkonzept der Schweiz gilt es als erstes, Abfälle zu vermeiden. Also müsste man bei der Dikussion
um Atomlager als erstes einen Plan zur vermeidung von Atommüll (=Schliessung der Atomkraftwerke) vorlegen.
Was wären Ihrer Meinung nach die besten Alternativen für ein KKW?
Auf der ganzen Welt ist der Marktanteil der Atomenergie rückläufig. Die am schnellsten wachsenden Techniken
sind Windenergie und Solarenergie, die ihre Umsätze alle zwei Jahre verdoppeln. Die Elektrizitätswirtschaft hat
längst Antworten auf diese Frage, aber in der Schweiz sind wir ein bisschen rückständig, siehe Frauenstimmrecht,
AHV usw. , die alle ungefähr 60-80 Jahre nach der Einführung durch die Nachbarländer eingeführt wurden.
Konkret für die Schweiz: Die Einspeisevergütungen sollten nicht länger beschränkt werden. Es gibt ja Tausende
von Gesuchen, die nicht realisiert werden können, weil der Bund die Einspeisevergütungen beschränkt hat.
Siehe Grafik unten
Wie in Deutschland sollte jeder und jede, auf dem Dach eine Solarenergie mit kostendeckender Vergütung installieren
dürfen. Dann sind die Probleme in den nächsten Jahren gelöst. Die Kosten für Photovoltaik sinken pro Jahr um 8%,
d.h. nach einer kurzen Übergangsphase bis zur Massenproduktion sind alle diese Techniken wettbewerbsfähig.
Bitte schauen sie sich einfach den Bericht „Bern erneuerbar!“ an. Ich arbeite derzeit an einem neuen
Bericht „Schweiz erneuerbar“. Gemessen an den Wachstumsraten der erneuerbaren Energien ist es klar, wohin wir
uns bewegen: richtung Vollversorgung mit erneuerbaren Energien. Alles andere sind Rückzugsgefechte.
Mit freundlichen Grüssen
Dr. Rudolf Rechsteiner, Nationalrat