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Aktuell Detail

Vor 40 Jahren: Als der Widerstand begann   24.08.2014

Das große deutsch-französische Thema dieses Jahres ist zurecht die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Dennoch gibt es in diesem Erinnerungsjahr auch ein positives Erinnern an eine Zeit vor vierzig Jahren, eine Zeit, in der die Bevölkerung erstmals grenzüberschreitend gemeinsam ein extrem umweltvergiftendes Bleichemiewerk verhinderte. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum".
Genau jetzt vor vierzig Jahren gab es eine Vielzahl von Demos und Aktionen und die Bauplatzbesetzung wurde vorbereitet.

Mit freundlichen Grüßen
Axel Mayer

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Bauplatzbesetzung Marckolsheim Elsass 1974 - 1975: Wendepunkt der weltweiten Umweltbewegung

http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html
http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/occupation-marckolsheim-plomb.html

Eine Information zur Bauplatzbesetzung 1974/75 in Marckolsheim

Marckolsheim ist ein kleines französisches Dorf am Oberrhein, direkt am Rhein, an der Grenze zu Deutschland. In Marckolsheim wurde im Jahre 1974 ein wichtiges Kapitel der Umweltgeschichte geschrieben. Trinational-gemeinsam und erfolgreich besetzten Menschen aus Frankreich, aus Deutschland und der Schweiz das Gelände eines geplanten, extrem umweltbelastenden Bleichemiewerks. Dieser Konflikt war ein wichtiger Wendepunkt der weltweiten Umweltbewegung. Er stand am Beginn vieler Kämpfe für saubere Luft und sauberes Wasser und läutete das Ende der "klassischen" Umweltvergiftung der Nachkriegszeit in Mitteleuropa ein. Aus den wichtigen Impulsen der Bücher "Silent Spring" der Biologin Rachel Carson (1962) und dem Bericht des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" (1972) wurde konkretes Handeln, wurde im Sinne des Wortes "Bürger-Initiative".

Den Hintergrund des Umweltkonflikts
aus dem Spätsommer und Winter 1974/75 würde man heute als klassisches Beispiel der Globalisierung deuten. Ein deutscher Konzern, die CWM (Chemische Werke München), machte sich die Grenzlage zunutze und wollte in Frankreich, direkt an der Grenze, ein Bleichemiewerk für die Herstellung von 800 Tonnen Bleioxid pro Monat bauen. Von giftigen Abgasen und Bleistaub wäre die Bevölkerung auf beiden Rheinseiten betroffen gewesen. Auch damals gab es massive Versuche, die Menschen grenzüberschreitend gegeneinander auszuspielen.

Die Baupläne wurden 1973 bekannt,
in einer politisch brisanten Zeit am Oberrhein. Vorangegangen waren der umstrittene Baubeginn des französischen AKW Fessenheim und erste massive Bürgerproteste gegen die Pläne des Badenwerks (heute EnBW), erst in Breisach und später in Wyhl ein Atomkraftwerk zu bauen.

Gründe, gegen die Bleifabrik anzugehen, gab es viele. Viele Tonnen Blei hätte die Fabrik jährlich über den Schornstein abgegeben, und das in einer Weinbauregion. Aus heutiger Sicht war das Bleiwerk ein gutes Beispiel für die damals übliche "gute, alte, offene & ehrliche" Umweltvergiftung. Auf den Wiesen vor einem ähnlichen Werk in Norddeutschland starben ab und zu die Kühe an Bleivergiftung...


Gegen Bleichemie und Atomindustrie
schlossen sich im August 1974 deutsche und französische Umweltschützer zusammen und gründeten das „Internationale Komitee der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen“. Einen Zusammenschluss dieser Art hatte es nach den Wunden des ersten und zweiten Weltkriegs bisher nicht gegeben. Erstaunliches tat sich vor 40 Jahren und fast 30 Jahre nach Kriegsende in der ländlichen Region beiderseits des Rheins: Über 3000 Menschen aus beiden Ländern kamen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl zusammen, über 4000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengeläute gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim.

"Weil wir nicht dulden, dass unser Recht derart missachtet wird. Deshalb haben wir beschlossen, die vorgesehenen Bauplätze für das Atomkraftwerk Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim gemeinsam zu besetzen, sobald dort mit dem Bau begonnen wird. Wir sind entschlossen, der Gewalt, die uns mit diesen Unternehmen angetan wird, solange passiven Widerstand entgegen­zusetzen, bis die Regierungen zur Vernunft kommen." Auszug aus der Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badisch-elsässische Bevölkerung


Dennoch begannen Mitte September die bauvorbereitenden Maßnahmen
in Marckolsheim am Rhein. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern aus Baden und dem Elsass besetzt und nach indianischem Vorbild ein hölzernes Rundhaus, das erste „Freundschaftshaus“ am Rhein, errichtet. Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH), Gerstheim (F) und Heiteren (F) sollten folgen und auch die badischen Ackerbesetzer in Sachen Genmais Buggingen beriefen sich zwei Jahrzehnte später noch auf die Marckolsheimer Erfahrungen.

Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 40 Jahren Abstand so einfach. Doch dieser frühe Kampf für Luftreinhaltung,für Mensch, Natur und Umwelt, die Bauplatzbesetzung in Marckolsheim, das war zuallererst Matsch, Schnee, knöcheltiefer Schlamm in einem nassen, kalten Winter. Das war der Rücktritt des Marckolsheimer Gemeinderats und eine besetzte Pontonbrücke über den Rhein nach Sasbach. Das waren Elsässer, Badener und Schweizer, badisch, elsässisch, hochdeutsch und französisch sprechende Menschen und Sprachprobleme zwischen Deutschen, Franzosen und Dialektsprechern. Das war ein Aufblühen der alemannischen Regionalkultur, gleichzeitig eine Blüte und ein Schwanengesang des elsässischen Dialekts. Das waren Frauen und Männer, Winzer und Freaks, Kaiserstühler und K-Gruppen, Junge und Alte, Linke und Wertkonservative, mancherlei Gesichter, Reden, Streit, Liebesbeziehungen, Gespräche und Lieder am Lagerfeuer, Regen, Schlamm, Kälte, Demos, Brückenbesetzungen, Flugblätter, Liederbücher und Plakate und beginnender Wyhl-Protest. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung.


In diesen ersten ökologischen Kämpfen am Oberrhein
liegen wichtige Wurzeln der Umweltbewegung und der Konflikte um Luftreinhaltung, die jetzt im Kampf gegen den Klimawandel ihre Fortsetzung finden. Hier wurden aus konservativen Naturschutzverbänden politische Umweltorganisationen und der Wachstumsglaube der 60er Jahre bekam erste Risse.

Und nicht zuletzt liegt eine der vielen Wurzeln Europas
und der deutsch-französischen Aussöhnung in Marckolsheim. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Und was mensch gegen Luftverschmutzung, Klimaveränderung und die Auswüchse der Globalisierung tun kann, haben die Aktionen vor 40 Jahren auch gezeigt.

"Ende September 1974, während der Platzbesetzung gegen ein deutsches Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim, hat der französische Schullehrer Jean Gilg ein Transparent in den Schlamm gepflanzt: "Deutsche und Franzosen gemeinsam: Die Wacht am Rhein“. D.h. er hat ganz bewusst den Titel der informellen deutschen Nationalhymne aus dem ersten Weltkrieg aufgegriffen und mit einer vollkommen neuen, entgegengesetzten Bedeutung versehen: Deutsche und Franzosen machen sich nicht mehr kriegerisch den Besitz des Rheinstroms streitig, sondern schließen sich zusammen, um die gemeinsame Region am Oberrhein gegen die neuartigen, grenzüberschreitenden Gefahren wie Radioaktivität und die Emissionen der Chemie-Industrie zu schützen – eine in der Tat "Andere Wacht am Rhein“. Vom ersten Tag an hat sich die oberrheinische Umweltbewegung der 70er Jahre als die historische Antwort auf das Menschheits-Verbrechen des ersten Weltkriegs verstanden." Zitat: Walter Mossmann

Am 25. Februar 1975 kam dann der Erfolg.
Die französische Regierung untersagt der deutschen Firma CWM offiziell die Errichtung der Bleifabrik in Marckolsheim und mit dem Wissen, dass illegale Bauplatzbesetzungen auch zu Erfolgen führen können, wendet sich der Protest gegen das wenige Kilometer entfernte AKW-Bauprojekt im Wyhler Wald. Doch das ist eine andere Geschichte...

Was bleibt, ist ein Erfolg
und die Sensibilisierung für die Themen Luftreinhaltung und Umwelt. Ein Erfolg für Mensch und Umwelt, denen jährlich viele Tonnen Blei erspart geblieben sind. Erstaunlicherweise sogar ein nachträglicher Erfolg für die Firma CWM, denn die Fabrik sollte Stabilisatoren für PVC und andere Kunststoffe herstellen, Produkte, die heute für PVC nicht mehr gebraucht werden. Wie so häufig, hatte die Umweltbewegung auch einen ökonomischen Flop verhindert.

Die Bauplatzbesetzung in Marckolsheim und ein Jahr später in Wyhl,
die folgenden ökologischen Kämpfe um saubere Luft (Waldsterben), sauberes Wasser, gegen die "autogerechten Innenstädte" und für nachhaltige zukunftsfähige Energiequellen brachten nach und nach das Ende der "guten, alten, offen sichtbaren" Umweltverschmutzung. Die Umweltbewegung hat in den letzten 40 Jahren ungeheuer viel erreicht für Mensch, Natur und Umwelt.

Heute erleben wir
mit dem Klimawandel und der absehbaren Endlichkeit der Energie- und Rohstoffvorräte, mit wachsenden Kriegs- und Krisengefahren die globale Endphase des falschen Versprechens vom "Unbegrenzten Wachstum" und es geht eher um die Fragen wie globale Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit erreicht werden können.

Der Natur- und Umweltschutz arbeitet "vierzig Jahre danach" wieder liebevoll am kleinen Detail, die Genlobby, Chemiekonzerne & Umweltzerstörer arbeiten immer noch am großen Ganzen. Wenn wir uns jetzt nicht wehren, werden wir mit TTIP, dem geplanten Freihandelsabkommen mit den USA, den ökologischen, demokratischen & sozialen Fortschritt der letzten Jahrzehnte verspielen.

Einen Unterschied zur Zeit vor vierzig Jahren ist deutlich: Damals wurden Umweltvergifter noch Umweltvergifter genannt.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, Kreisrat & Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzverband

(1974 fuhr ich mit Babs & Vespa, als Neunzehnjähriger erstmals zu einer Demo nach Marckolsheim. Aus einem Demonstranten wurde ein Bauplatzbesetzer und Umweltschützer...)



Wichtiger aktueller Nachtrag:
Mit dem Kampf gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim begann das Ende der "guten, alten, offenen, ehrlichen Umweltvergiftung" steht zu Recht im oberen Text. Doch diese Aussage bezieht sich leider nur auf Kerneuropa. In Marckolsheim hätte das Bleiwerk zu einer massiven und gesundheitsschädigenden Bleibelastung geführt. Das konnte abgewehrt werden. Doch wie sieht es heute, vierzig Jahre später, an anderen Orten der Welt aus?
In den peruanischen Anden wird Blei abgebaut. Dort gibt es einen der zehn am meist verschmutzten und vergifteten Orte der Welt. 99 Prozent der Kinder leiden an Bleivergiftung. „Der Großkonzern Renco hat dies zu einem großen Teil zu verantworten.“, berichtet 3sat „Die peruanische Regierung forderte Renco zwei Mal auf, den gesetzlichen Auflagen nachzukommen und bestimmte Stellen zu dekontaminieren. Eine neue Schwefelsäurefabrik sollte die alte ersetzen. Renco unternahm aber nichts, sondern nutzte stattdessen das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Peru. Darin enthalten: Eine Klausel für "Investorenschutz.“ Umweltschutz und Schutz der Kinder gefährdet die Profite des Konzerns und der Umweltvergifter Renco fordert jetzt vor einem Schiedsgericht 800 Millionen Dollar Schadensersatz von Peru.
Es gibt gute Gründe, den Erfolg von Marckolsheim und die vielen folgenden Erfolge der Umweltbewegung zu feiern. Doch heute müssen wir uns gegen TTIP, Investorenschutz und Konzerngerichtsbarkeit wehren und die Kämpfe gegen Gift und Konzernmacht in den weit entfernten peruanischen Anden sind auch unsere Kämpfe.
Axel Mayer













Links: Protest & Bauplatzbesetzungen in Wyhl, Kaiseraugust, Marckolsheim, Gerstheim, Buggingen...


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